Gestatten, Hofbauer - wie wir sagen wŸrden.

Misha Stroj, 2013

Zur Realisierung - also Bewusstwerdung - der eigenen, fŸr ihn zweifelsfrei guten Natur empfiehlt der im fernen Osten wirkende Menzius konsequent dem GefŸhl der Evidenz treu zu bleiben. Offensichtlich mit Leichtigkeit kommt ein Selbst zu sich.[1]

Baumharz aus Afrika und indisches Bienenwachs werden verschmolzen, ausgehŠrtet, im Wasserbad wieder erwŠrmt und nahe der Flamme in geeigneter Konsistenz zur Verarbeitung gehalten. Die KŸnstlerin entnimmt Teile der Substanz und modelliert die Figur, baut sie stŸckweise auf und erarbeitet sich die endgŸltige Form und OberflŠche. IntimitŠt im Sinne einer unmittelbaren haptischen Beziehung charakterisiert diese Art von Herstellung, es kann von einer partiellen Blindheit gesprochen werden, in der man werkt. Je grš§er die Erfahrung desto weniger Aufmerksamkeit verlangt der Teil der Kontrolle Ÿber technische Details. Anna Hofbauer hat ihren ersten Versuch gewagt: ãIch wŸrde auf Pferden reiten, wenn man mich lie§eÒ lautet der Refrain des Liedes das sie im Ohr hatte[2] und es entstand: die gezeigte Bronzeskulptur ãRider".[3]

Mit dem Bild der KŸnstlerin die auf Erlaubnis hofft, bevor sie aufs Pferd steigt, gibt sich Hofbauer betont hšflich. Kokett fŸr Eine die ãmacht was sie willÒ. Wobei auch das freie Wollen ist eine einzuschrŠnkende †bertreibung. An den RŠndern der Regionen des Bewusstseins lŠsst sich im Prozess des Ertastens und Erarbeitens der Form die erwŠhnte IntimitŠt und Blindheit erwecken. Dabei/dort (wo kein Licht hinkommt) sind Wissen, Kšnnen und auch Wollen nur gewaltsam zu trennende Abstraktionen, die von ihrem jeweiligen Gegenteil nicht zu unterscheiden sind. Man streitet sich mit den Bedingungen des Verfahrens und tatsŠchlich: ist ungekannten Gšnnerinnen zu danken, wenn schlie§lich am RŸcken des Pferdes man landet. Kunst ist Entscheidungsfindung. Schlichtung. Der ãRiderÒ ist Hofbauers Mensch: die unaufgeregte Symbolisierung ist einfach, schemenhaft, symmetrisch und ruhig. Sie wird belebt von einer durch die Verdreifachung der Gliedma§en angedeuteten Zappeligkeit der menschlichen Figur. Das Pferd bleibt ungerŸhrt. Wir unterstellen: eine wissende Sicht, am halben Weg zwischen Ost und West.

Es gibt keine Dauerhaftigkeit im Reich unmittelbarer IntimitŠt. Die Herstellung einer Bronzeskulptur erscheint wie eine Ÿbertriebene Dramatisierung des Hangs zum RealitŠtsprinzip, welches jede trŠumerische Vagheit einer gegenwŠrtigen Lebendigkeit zerstšrt zugunsten von Dauerhaftigkeit und also dem Produkt. Die fertige Wachsfigur wird in einem um sie errichteten GebŠude begraben und durch Schmelzen zum Verschwinden gebracht. Eine Mischung aus Kupfer und Zinn erstarrt an ihrer Stelle zur Statue, die nun und dauerhaft unser aller Blicken prŠsentiert werden kann. Ein ominšses Zeugnis. Auch fŸr die KŸnstlerin: die Schnittmenge der Ermutigungen und Erlaubnisse - eine Summe mehr als ein Geschšpf. Es haftet der Name: ãgestatten, HofbauerÒ.

Ausgerechnet in einem unfertigen Kšrperding erwacht das GefŸhl einer KontinuitŠt - so erlaubt man sich an Stelle einer bewegenden Leere ein unzulŠngliches Selbst zu setzen. Die Fertigung einer stimmigen Version eines solchen Selbst ist die faulste unter den populŠren Ideologien/Mythen. Die Vorstellung einer idealen, vollstŠndigen Gestalt des Kšrpers fasziniert. Sie ist ja wohl die Hšhe unseres Vermšgens zu antizipieren und progressiv zu denken. Die Erfahrung der Unvollkommenheit des lebendigen Leibes setzt wiederum ungerufene Aggressionen und Konfusionen frei. Das kann ja wohl nicht wahr sein. Bei Brechts Zusammenschau der kleinbŸrgerlichen TodsŸnden passiert es an der Stelle des aufkeimenden Stolzes bei allzugenauer Betrachtung im Spiegel, ein Volltreffer:

ãWenn die Tiger trinkend / Sich im Wasser erblicken / Werden sie oft gefŠhrlich!Ò[4]

ãOhne Abstand und ohne Kontakt ist kein Objekt mšglichÒ betitelt Hofbauer eine Fotoserie.[5] Gewohnt ihren Kšrper als Vorlage fŸr Studien menschlicher Anatomie zu verwenden, zeigt sie uns dieses mal das ihr zur VerfŸgung stehende Hybrid, das Untersuchungsgegenstand und zugleich Werkzeug ist. Aufrecht und frontal prŠsentiert sie sich(sic) der Kamera, wobei sie mit den Armen, bzw. HŠnden sukzessive den Šu§eren Konturen des/ihres Kšrpers folgt. Starre Blicke machen das betrachtende und das betrachtete Objekt evident. Hofbauer trifft das GefŸhl einer prekŠren Schwebe in der Zone der nie ganz vollstŠndigen Trennung von Macherin und Gemachtem. Die Geste eines bewussten und unprŠtentišsen Selbstbezugs verleiht der Figur IntegritŠt, festgestellt im Akt der Wahrnehmung. So kommt das Ding zu sich. Portraitiert wird weniger ein Selbst als ein Apparat. Er offenbart das Kapital der die Kunst ausŸbenden Berufsgruppe: immer noch sind es menschliche Kšrper, und erstmals ist es blo§ der Ort des Kšrpers an dem Produktion und Investition stattfinden.

In der Sicht des Menzius ist man nie allein: ãmenschlich" ist ein Sein im VerhŠltnis zu Anderen. Scheinbar steckt im chinesischen Wort Mensch die Zahl 2 schon drin. Die KŸnstlerin Anna Hofbauer Ÿbt sich in den Mšglichkeiten und Fertigkeiten ihres/unseres zerstŸckelten Selbst. Nicht erst seit gestern. Die Dinghaftigkeit der Welt ist ihr nicht Šu§erlich: immer ist es eine gegenseitige Beziehung, die die Rolle der Akteurin, nicht immer reibungslos, zwischen dem Gezeigten und der Zeigenden verschieben lŠsst. Hofbauer sind Viele. Gesellschaften auch.

Der KŸnstler Rudolf Belling hat sein Werk ãMenschÒ 1918 entworfen und 1921 ausgefŸhrt. Er stand unter dem Eindruck seiner Teilnahme am ersten Weltkrieg und seiner aktuellen BemŸhungen um eine ãmoderneÒ Kunst. Emanzipation von der Natur und Einbeziehung des Raums in die Plastik, die …ffnung der Kšrperdarstellung waren ihm wichtig. Rudolf Belling gilt als Protagonist des Expressionismus, jenes Teils desselben, der auch kubistische Ambitionen verfolgte - eine Stimme auf der Hšhe des modernen westlichen Denkens und Empfindens, vermutlich nahe am BrŸchigwerden der AnsprŸche eines sich zunehmend isoliert habenden Individuums. (Was zu begreifen wŠre, wie mir wird bewusst.)

Bellings ãMenschÒ zeigt einen Kampf, unnštig zu klŠren ob es sich um zwei KŠmpfende oder aber eine sich in Zwei teilende Figur handelt: das Motiv der Zerrissenheit und Spannung innerhalb der Kšrper ist klar. Eine fotografische Reproduktion dieses Werks dient Anna Hofbauer als Vorlage fŸr einen weiteren Versuch mit dem Wachs. Ihr ãBellingÒ ist gršber und erscheint anspruchsvoller als ihre Reiterfigur, will von allen Seiten betrachtet sein. Hofbauer schrumpft Bellings ãMenschÒ und Šndert das Verfahren.[6] Die kleine Nachahmung in Bronze bleibt der Form der Vorlage treu, entschŠrft aber die expliziten stilistischen BemŸhungen, vor allem die geometrische Figuren andeutenden FlŠchen mit denen der Kubismus assoziiert wird. Eine universale von der Natur befreite Sprache wurde einst angestrebt. Hofbauer relativiert den Anspruch ihrer Vorlage - bleibt nŠher am Ort der Herkunft ihres ãBellingÒ: dem Ereignis seiner Herstellung. Im Blindflug der Formfindung wird mehr genudelt als gebaut und somit weniger heroisiert. Am Weg der Bescheidenheit und aber doch des Stolzes und der ErmŠchtigung finden sich die Universalgenossinnen unzeitgemŠ§. WŸtende Ideologien werden nicht abgeschafft, aber ins Ma§ einer im besten Sinne selbstbewu§ten Dringlichkeit/Leichtigkeit gestutzt. ãBellingÒ ist aktuelles und bemerkenswertes Zeugnis dafŸr, dass so was wie ãMenschÒ mšglich war.

Hofbauer ist wieder mal beredt geworden mittels einfachstem Material und Šltester Verfahren. ãDie Natur lŠppert sich jetzt allmŠhlich wieder ran an die KunstÒ, kommentiert die Zeitschrift Simplicissimus[7] ein schwŠcher werden damaliger kubistischer BemŸhungen. Wobei hier: lŠppert sich eine Horde von Tigerinnen ans Wasserloch. Evident und konsequent. Und hšrte man sie um Erlaubnis fragen - inmitten des GebrŸlls - bliebe zu murmeln[8]: Hofbauer, gestattet. Ab ins Museum damit!



[1] Die AusfŸhrungen zu Menzius folgen jenen, die - gleich neben dem Brecht - am Schreibtisch der  KŸnstlerin Anna Hofbauer zu finden sind: Francois Jullien, Dialog Ÿber die Moral, Berlin 2003. Ihren LektŸren hinterherzulesen mag dem Hang zum BŠrendienst entsprechen.

[2] Bonnie Prince Billy, Horses, auf: Sings Greatest Palace Music, Nashville, Tennessee, 2004

[3] Dass die KŸnstlerin dazu einmal mehr das Weite gesucht hat sei am Rande bemerkt. In Indien finden sich WerkstŠtten in denen die Vorlage fŸr den Bronzeguss direkt in Wachs modelliert wird. Die Realisierung von nur einem Guss ist Ÿblich. Andernorts wird durch ein erweitertes Verfahren ein mehrfaches Abgie§en der Form ermšglicht. Die Tatsache der Herstellung in Indien verstŠrkt fŸr die hier versuchte Argumentation einen Aspekt: die Vielstimmigkeit des Resultats wird durch die im Material sich manifestierenden Abschweifungen umso gerŠuschvoller. Zugleich gelingt die wundersame Einigung die zu erkennen ist: wir erlauben uns es eine Hofbauer zu hei§en. †berall.

[4] Bertold Brecht, ãDie sieben TodsŸndenÒ, Paris 1933

[5] Sie bezieht sich damit auf die LektŸre von Menzius durch Jullien. TatsŠchlich ist das ãObjekt" eine zugegebene Vereinnahmung durch den westlichen Interpreten: ã...wie wir sagen wŸrden" hei§t es da bezŸglich der Unterstellung dass es eines Objekts bedarf, wo Menzius blo§ die Realisierung, bzw. Bewusstwerdung einer verschŸtteten Natur verhandelt.

[6] Die Šltere Version ist 123cm hoch und aus Muschelkalk gehauen. Muschelkalk ist ein Gestein mit eingeschrŠnktem Vorkommen im Bereich der nšrdlichen Alpen. Das Material bindet Bellings ãMenschÒ an die Stelle seiner Herkunft, zugleich war der Bildhauer bemŸht den ortlosen Stilen seiner Zeit gerecht zu werden.

[7] Karl Arnold, ãDie Diktatur der KunstkritrikÒ, in: Simplicissimus. 19.Mai 1920

[8] ãWann immer der BŠr mit der Fliege auch die von der Fliege BelŠstigte erschlŠgt...bleibt ein Stein als Zeuge.Ò (Misha Stroj, 2013)